Im Nachtzug quer durch Europa
Klimafreundliche Alternative und immer auch eine besondere Erfahrung
25. Februar 2025 | Lesezeit: ca. 4 Minute(n)Nachtzugreisen sind eine spannende und umweltfreundliche Alternative zum Auto oder Flugzeug. Hier bietet sich nicht nur Raum für interessante Begegnungen. Der Zug punktet auch mit Komfort. Oder klingt es nicht himmlisch, sich vom leisen Klack-Klack der Schiene in den Schlaf wiegen zu lassen?
Der Nachtzug ist zurück – auch in Deutschland. Lange sah es so aus, als würde die entschleunigte Art zu reisen hierzulande auf dem Abstellgleis landen. 2016 verkaufte die Deutsche Bahn ein großes Kontingent von 42 Schlaf- und 15 Liegewagen an die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) und fuhr das eigene Angebot Stück für Stück zurück. Danach wurden die meisten Nachtstrecken der Deutschen Bahn nur noch von ICE- oder IC-Zügen übernommen und der Komfort eines Schlafwagens blieb dabei auf der Strecke. Inzwischen rollen die Nachtzüge der ÖBB auch wieder auf deutschen Strecken und geben den Menschen die Möglichkeit, eine etwas andere Art des Reisens kennenzulernen.
Die sogenannten Nightjet-Züge der ÖBB fahren auf zahlreichen Strecken durch Europa, so auch durch Mitteldeutschland und das MDV-Gebiet. Der NJ 408 von Berlin über Basel nach Zürich beispielsweise hält in Halle und Leipzig. Von Dresden aus sind u.a. Budapest, Wien (via Graz), Prag und Brüssel mit einem Nachtzug erreichbar.
Die Preise für Tickets variieren je nach Buchungsvorlauf und den eigenen Ansprüchen.
Eine Frage des Komforts
Für die individuellen Anforderungen an Bequemlichkeit und Privatsphäre bieten die meisten Unternehmen drei Klassen an. Die günstigste Möglichkeit ist die Reise im Sitzwagen. Das sind entweder Abteilwagen mit teilweise umklappbaren Sitzen für bis zu sechs Personen oder Zweiersitze in Reihen in einem Großraumwagen. Ab drei Personen können Reisende ein Privatabteil gegen Aufpreis auch komplett buchen.
Die nächsthöhere Klasse ist der Liegewagen. Das sind tagsüber normale Abteile, in denen das Personal abends vier bis sechs Pritschen umgeklappt. Das Abteil kann von innen verschlossen werden. Frauen können auf Wunsch ein Bett in einem reinen Damenabteil buchen. Ab dieser Klasse ist das Frühstück am nächsten Morgen inklusive. Im Nightjet bietet der ÖBB außerdem Mini Cabins an. Das sind durch Schiebetüren abtrennbare Einzelkabinen im Liegewagen mit jeder Menge Features auf engstem Raum. Paare haben die Möglichkeit, zwei einzelne zu einer gemeinsam Midi Cabin zu öffnen.
Königsklasse Schlafwagen
Ron Böhme, Chefplaner des MDV, liebt das Reisen im Nachtzug. Im Laufe der Zeit haben sich seine Ansprüche allerdings verändert. „Als Student war mir Bequemlichkeit nicht so wichtig. Da wollte ich eher Geld sparen. Mittlerweile möchte ich die Reise genießen und gönne mir auf weiteren Strecken ein Bett im Schlafwagenabteil.“
Das Schlafwagenabteil ist die Königsklasse im Nachtzug. Es ist meist für ein bis maximal drei Personen ausgelegt und hat ein eigenes Bad mit Dusche und WC. Es gibt Frühstück à la carte und auf Wunsch einen persönlichen Weckservice. Die Betten sind bezogen und Handtücher, Ohropax und Hausschuhe inklusive.
Nachtzug ist Entschleunigung
Doch was macht das Reisen im Nachtzug so interessant? Für Ron Böhme steht fest: „So kann ich auch längere Strecken bequem reisen, ohne fliegen zu müssen oder ins Auto zu steigen.“ Was das Reisegefühl angeht, ergänzt er noch: „Ich habe im Nachtzug immer das Gefühl der Entschleunigung, aber ohne stillzustehen. Sich in einem kleinen Abteil einzurichten und die Zeit zu genießen, kann sehr entspannend sein.“
Bereits als Student reiste er von Kaiserslautern bis Peking über 12.000 Kilometer mit der Eisenbahn und war dafür über vier Wochen unterwegs. „Damals mussten wir die Einzelstrecken noch selbst recherchieren und den Schlafwagen-Zuschlag für jeden Reiseabschnitt separat buchen“, erzählt Böhme. „Zum Glück wussten wir genau, an welchem Schalter der Deutschen Bahn wir die richtigen Informationen bekommen.“
Nachtzug einfach online buchen
Heutzutage können Reisende sich ihre Tickets einfach online kaufen. Wo vor 30 Jahren noch Verhandlungsgeschick und Geduld nötig waren, ist die Buchung heute mit wenigen Klicks erledigt. Ron Böhme empfiehlt Nachtzug-Neulingen erst einmal kürzere Strecken innerhalb Europas zu testen. Einen ersten Überblick über das Streckennetz und eine gute Inspirationsquelle für künftige Reiseziele findet sich auf der Nightjet-Website des ÖBB.
Nachtzug advanced
Für Reisende, die einen Schritt weiter gehen wollen, empfiehlt Böhme: „Ich mag die Strecke London–Inverness. Da fährt der legendäre Caledonian Sleeper von der britischen Hauptstadt direkt zum Loch Ness. Man steigt abends im lauten Getümmel einer Mega-City in den Zug und landet etwa 12 Stunden später in der schottischen Natur. Einfach herrlich.“
Strecken für Nachtzug-Begeisterte gibt es genug. Vor allem in Osteuropa hat der Nachtzug bis heute einen großen Stellenwert und ist beliebtes Reisemittel, aber auch ein Ort der Begegnung. „Nirgendwo sonst trifft man so unterschiedliche Menschen wie im Zug. Die Gespräche am Samowar in der Transsibirischen Eisenbahn werden mir immer in Erinnerung bleiben“, erzählt Böhme. Nach Strecken gefragt, die er noch fahren will, lacht er und ergänzt: „Die Strecke von Prag nach Split steht noch auf meiner Liste. Und dann hoffe ich, dass bald die Verbindung von Frankreich nach Lissabon wieder eröffnet wird.“
Bildquellen:
© ÖBB/Harald Eisenberger
Ron Böhme
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